SOLIDWORKS Testbericht: Version, Preis, Lizenz und technische Details

SOLIDWORKS Testbericht: Version, Preis, Lizenz und technische Details
📌 Teil unseres umfassenden Leitfadens: Dieser Testbericht ist Teil unserer Fachreihe Populäre 3D-Modellierungssoftware, die das gesamte Spektrum moderner 3D-CAD-Werkzeuge abdeckt.

Einführung: Vom Blackjack-Tisch in Las Vegas zum Industriestandard

Dezember 1993. Boston, Massachusetts.

Jon Hirschtick war Absolvent des renommierten MIT im Fach Maschinenbau. Er hatte beim Kartenzählen in den Casinos von Las Vegas rund 1 Million Dollar gewonnen [1]. Hirschtick war ein bekanntes Mitglied und Ausbilder des legendären MIT-Blackjack-Teams. Doch er gründete damit kein Casino-Unternehmen. Er verfolgte ein klares technisches Ziel. Damals war mechanisches 3D-Design an teure Unix-Workstations gebunden. Systeme von Silicon Graphics und Sun kosteten rund 50.000 Dollar. Softwarelizenzen überstiegen oft 20.000 Dollar. Ingenieure mussten vor Terminals warten. Hirschtick wollte diese Rechenleistung direkt auf den Schreibtisch bringen. Sein Ziel war die erste native 3D-CAD-Software für Windows-PCs [1].

SOLIDWORKS ist eine führende parametrische 3D-CAD-Software von Dassault Systèmes, die auf dem Parasolid-Geometriekern von Siemens basiert. Sie bildet das technologische Rückgrat für Millionen von Entwicklungsabteilungen weltweit [2][3]. Innerhalb von zwei Jahren nach der Veröffentlichung erreichte die Software Hunderttausende von Ingenieuren. 1997 übernahm der französische Luftfahrt- und Technologiekonzern Dassault Systèmes das Unternehmen für 310 Millionen Dollar [1]. Doch hinter diesem wirtschaftlichen Triumph verbirgt sich eines der bemerkenswertesten Paradoxa der Softwaregeschichte.

SOLIDWORKS 3D-CAD-Modellierung und Baugruppenkonstruktion
SOLIDWORKS parametrische Modellierungsumgebung, Baugruppenbaum und Zeichnungserstellung

SOLIDWORKS auf einen Blick

Entwickler Dassault Systèmes (Vélizy-Villacoublay, Frankreich) [2]
Geometriekern Siemens Parasolid (B-Rep-Grenzdarstellung und hochpräzise analytische Flächen) [3]
Aktuelle Version SOLIDWORKS 2026 (SOLIDWORKS Design) — Erschienen im November 2025 [2]
Preise (Jahresbasis) Standard: ~2.820 $/Jahr; Professional: ~3.456 $/Jahr; Premium: ~4.716 $/Jahr; Maker: ~48 $/Jahr [2]
Lizenzmodell Proprietär; Named-User-Abonnement und unbefristete Lizenz (mit obligatorischen Cloud Services) [2]
Betriebssystem Microsoft Windows 10/11 64-Bit (macOS und Linux über browserbasiertes xDesign) [2]
Native Dateiformate SLDPRT (Teil), SLDASM (Baugruppe), SLDDRW (Zeichnung), Parasolid (.x_t, .x_b) [3]
Exportformate STEP (AP203/214/242), IGES, ACIS (SAT), 3MF, STL, OBJ, DWG, DXF, PDF, eDrawings [2]
Hardware-Fokus Modellierungsberechnungen im FeatureTree hängen direkt an der Single-Thread-Taktfrequenz (GHz) [4]

Erster Wendepunkt: Der 4.000-Dollar-Durchbruch unter Windows

Im November 1995 erschien SolidWorks 95. Die Branche war überrascht.

Zu dieser Zeit dominierte Pro/ENGINEER von PTC den CAD-Markt. Diese Software lief ausschließlich auf teuren Unix-Arbeitsstationen. Für Unternehmen bedeutete das pro Arbeitsplatz Investitionen von über 20.000 Dollar. Ingenieure mussten sich teure Rechnerzeiten teilen.

Hirschtick und sein Team änderten die Spielregeln grundlegend. Sie brachten den ersten nativen parametrischen 3D-Modellierer für Windows 95 heraus. Der Einstiegspreis lag bei nur 4.000 Dollar [1]. Etablierte Unix-Anbieter belächelten das Programm zunächst als einfaches Büroprogramm. Doch Konstrukteure erkannten den ergonomischen Vorsprung sofort. Windows-Fenster, intuitive Verknüpfungen und unkomplizierte Zeichnungsableitung beschleunigten den Arbeitsalltag. Binnen zwei Jahren verkaufte SOLIDWORKS Hunderttausende Lizenzen. Das Monopol der Unix-Terminals war gebrochen.

1997 griff Dassault Systèmes zu. Der französische Luftfahrtgigant erkannte den Marktwandel und kaufte SolidWorks für 310 Millionen Dollar [1].

Zweiter Wendepunkt: Das 30-jährige Kern-Paradoxon

Hier zeigt sich der größte Widerspruch der CAD-Branche.

Jon Hirschtick hatte bei der Gründung keine Zeit, einen eigenen Geometriekern zu programmieren. Deshalb lizenzierte er den Parasolid-Kern von EDS/Unigraphics [3]. Dieser Kern gehört heute zu Siemens. Parasolid berechnet exakte B-Rep-Volumenkörper, komplexe Rundungen und analytische Freiformflächen mit mikrometergenauer Präzision.

Als Dassault Systèmes SolidWorks übernahm, besaß der Konzern bereits einen erstklassigen eigenen Geometriekern: CGM (Convergence Geometric Modeler), der CATIA antreibt. Strategisch schien der nächste Schritt naheliegend. SolidWorks sollte vom Kern des Konkurrenten Siemens auf den hauseigenen CGM-Kern umgestellt werden.

2010 kündigte Dassault unter dem Namen “SolidWorks V6” genau diesen Schritt an. Doch die Industrie reagierte mit großer Sorge [3]:

  • Die Airbus-Erfahrung: Ingenieure erinnerten sich an den Wechsel von CATIA V4 zu CATIA V5. Dieser Kernwechsel hatte beim Airbus A380 zu schweren Kabel- und Baugruppenproblemen sowie Milliardenverzögerungen geführt.
  • Gefahr von Geometriefehlern: Weltweit existierten Millionen von Bauteilen. Wurde deren parametrische Historie auf einen anderen Kern übertragen, konnten winzige Rundungsunterschiede Fertigungstoleranzen zerstören.
  • Etablierte Lieferketten: Werkzeugbauer, CNC-Bearbeitungszentren und CAM-Systeme arbeiteten weltweit mit dem Parasolid-Format (.x_t). Eine Umstellung hätte globale Fertigungsketten gefährdet.

Wegen des deutlichen Kundenfeedbacks zog Dassault den Plan zurück. Bis heute läuft das Desktop-Programm SOLIDWORKS auf dem Parasolid-Kern des Hauptkonkurrenten Siemens und zahlt dafür jährlich Lizenzgebühren [3].

SOLIDWORKS Baugruppen- und Bewegungsanalyse
Erweiterte Baugruppenprüfung, Passungsanalyse und kinematische Simulation

Dritter Wendepunkt: Hardware-Architektur und Cloud-Strategie

Konstruktionsleiter und IT-Verantwortliche achten besonders auf zwei Faktoren: die richtige Workstation-Ausstattung und die aktuellen Lizenzbedingungen.

1. CAD versus Simulation: Kerne oder Taktfrequenz?

Bei der Hardware-Planung kommt es auf die genaue Aufgabenstellung an. FEM-Spannungsanalysen, Strömungssimulationen (CFD) und photorealistisches Rendern in Visualize profitieren massiv von vielen Prozessorkernen. Bei diesen Berechnungen sparen 16 oder 32 Kerne spürbar Zeit. Deshalb beschaffen Unternehmen dafür gezielt Multi-Core-Systeme [4].

Dient eine Workstation jedoch primär der parametrischen Bauteilmodellierung, Baugruppenverknüpfung und Zeichnungserstellung, gilt eine andere Rechenlogik:

Der Strukturbaum (FeatureTree) in SOLIDWORKS arbeitet streng sequenziell. Der vierte Modellierungsschritt kann erst berechnet werden, wenn Schritt drei abgeschlossen ist. Schritt drei wiederum setzt die Lösung von Schritt zwei voraus. Da diese Geometrieschritte voneinander abhängen, lässt sich die Modellierung mathematisch nicht auf mehrere Kerne aufteilen. Daher arbeitet der eigentliche Modellierungskern in SOLIDWORKS auf einem einzelnen Prozessorkern (Single-Thread) [4].

Für reine CAD-Arbeitsplätze ist eine hohe Kernzahl zweitrangig. Entscheidend sind vielmehr eine hohe Taktfrequenz pro Kern (5,0+ GHz), eine moderne Prozessorarchitektur (IPC) und schneller Arbeitsspeicher [4].

2. Cloud-Politik: Der Wendepunkt vom 1. Juli 2023

Dassault Systèmes bindet seine Kunden zunehmend an die 3DEXPERIENCE-Cloud-Plattform. Am 1. Juli 2023 trat eine wesentliche Änderung in Kraft [5].

Seitdem enthalten alle neu gekauften unbefristeten Desktop-Lizenzen verpflichtende Cloud Services [5]. Selbst wer rein lokal konstruiert, zahlt jährliche Gebühren für Cloud-Speicher, Revisionsverwaltung und Webfreigaben. Das traditionelle Modell des unbefristeten Kaufs wandelte sich damit zu einem hybriden Cloud-Abonnement. Für sicherheitsrelevante Entwicklungsabteilungen bleibt die Cloud-Anbindung ein wichtiger Prüfpunkt.

Entscheidungsmatrix: Stärken und Grenzen

Für eine fundierte Investitionsentscheidung fasst diese Übersicht die wichtigsten Aspekte zusammen:

Vorteile

  • Hohe Fertigungssicherheit: Der Parasolid-Kern garantiert exakte Toleranzen für CNC-Fräsen, Blechbearbeitung und Werkzeugbau.
  • Top-Down-Baugruppenkonstruktion: Über zentrale Layout-Skizzen lassen sich Baugruppen mit Tausenden Komponenten steuern. Änderungen fließen automatisch in alle Bauteile ein.
  • Großer Arbeitsmarkt: SOLIDWORKS ist der Standard an technischen Hochschulen. Qualifizierte Konstrukteure sind leicht verfügbar.
  • Umfassendes Modulangebot: Integrierte Werkzeuge für Blechkonstruktion, Schweißbaugruppen, Kinematik und Visualize-Rendering.

Einschränkungen

  • Laufende Wartungskosten: Ohne aktive Wartung können neuere Dateiversionen nicht geöffnet werden. Neuere Lizenzen erfordern Cloud-Gebühren [5].
  • Nur für Windows: Die Desktop-Version läuft nativ ausschließlich unter Microsoft Windows [2].
  • Grenzen bei Freiformflächen: Für prismatische Maschinenbauteile hervorragend geeignet, bei hochkomplexen Fahrzeug-Außenflächen jedoch weniger flexibel als CATIA.

CAD-Alternativen im Vergleich

Die wichtigsten Konstruktionsprogramme im technischen Überblick:

Software Entwickler Geometriekern Preismodell Hauptstärke
SOLIDWORKS Dassault Systèmes Siemens Parasolid Abonnement / Hybrides Kauflizenzmodell Maschinenbaubaugruppen, Blechkonstruktion, Werkzeugbau und weite Verbreitung
Autodesk Inventor Autodesk ShapeManager Jahresabonnement (~2.500 $/Jahr) Enge AutoCAD-Anbindung und parametrische Maschinenkonstruktion
Siemens NX Siemens Digital Ind. Parasolid (Hauseigener Kern) Unternehmenslizenz / Modular Luftfahrt, Automobilbau, riesige Baugruppen und integriertes CAM
Onshape PTC Parasolid (Cloud) SaaS-Abonnement (1.500-2.500 $/Jahr) Reines Cloud-CAD im Webbrowser, gleichzeitiges Arbeiten im Team
FreeCAD Open-Source-Gemeinschaft Open CASCADE (OCCT) Kostenlos (LGPLv2+) Lizenzkostenfrei, anpassbar und per Python erweiterbar
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Fazit und redaktionelle Bewertung

SOLIDWORKS hat mit dem Blackjack-Gewinn von Jon Hirschtick die Vormachtstellung der Unix-Workstations beendet. Heute steht das Programm vor einer anderen Herausforderung. Es muss seine treue Nutzerschaft für die vernetzte 3DEXPERIENCE-Cloud gewinnen.

Für Konstruktionsleiter ergibt sich daraus eine klare Handlungsempfehlung. Planen Sie die Hardware nach Aufgabenprofilen. Berechnungs- und Renderplätze benötigen viele Rechenkerne. Reine Modellierungsarbeitsplätze erfordern dagegen Prozessoren mit maximalem Single-Core-Takt (5,0+ GHz) und schnelle NVMe-Speicher. Prüfen Sie bei Lizenzverträgen genau, wie sich die Cloud-Vorgaben mit Ihren internen Sicherheitsrichtlinien vereinbaren lassen.

Zwei Leitfragen bleiben für Verantwortliche entscheidend:

  1. Haben Sie Ihre CAD-Arbeitsplätze gezielt nach Modellierungs- und Simulationsanforderungen getrennt, um die Hardware optimal zu nutzen?
  2. Ist die verbindliche Cloud-Anbindung Ihrer CAD-Modelle an die 3DEXPERIENCE-Plattform ein Produktivitätsgewinn oder ein Risiko für Ihre Datensouveränität?

Quellen und Überprüfung

Alle technischen Daten, Versionsstände und historischen Angaben dieses Berichts wurden über unabhängige Quellen validiert:

  1. Hirschtick, Jon. MIT Blackjack Team & Gründung der SolidWorks Corp (1993–1995) — en.wikipedia.org/wiki/Jon_Hirschtick
  2. Dassault Systèmes Offiziell — Introducing SOLIDWORKS 2026 Technical Specs & Pricing — solidworks.com/media/introducing-solidworks-2026
  3. Siemens Digital Industries Software — Parasolid 3D Geometric Modeling Kernel Reference — siemens.com/parasolid
  4. SolidWorks Workstation Hardware Guide & Single-Thread CPU Frequency Impact — solidworks.com/support/system-requirements
  5. Dassault Systèmes Richtlinien-Mitteilung — Mandatory Cloud Services on Perpetual CAD Licenses (Juli 2023) — solidworks.com/cloud-solutions

Quellen

  1. Hirschtick, Jon. MIT Blackjack Team & Founding of SolidWorks Corp (1993-1995)
  2. Dassault Systèmes Official Introducing SOLIDWORKS 2026 Technical Specs & Pricing
  3. Siemens Digital Industries Software Parasolid 3D Geometric Modeling Kernel Reference
  4. SolidWorks Workstation Hardware Guide & Single-Thread CPU Frequency Impact
  5. Dassault Systèmes Policy Announcement Mandatory Cloud Services on Perpetual CAD Licenses (July 2023)

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